When you’re on a golden sea
You don’t need no memory
Just a place to call your own
As we drift into the zone


Wir stehen heute um 08:00Uhr auf. Aber was bedeutet das schon, wenn die Sonne den ganzen Tag scheint? Zu unseren täglichen Ritualen gehört es mittlerweile, morgens und abends einen entspannten Blick auf den Snæfellsjökull zu werfen und heute Morgen sieht man diesen imposanten Vulkangletscher so klar wie noch nie zuvor.

Wir haben uns heute eine Tour zur Halbinsel Reykjanesskagi vorgenommen im Südwesten der Insel. Als konkretes Ziel haben wir eigentlich nur die blaue Lagune für das Ende des Ausflugs fest eingeplant – alles andere, darunter Landschaft, Schwefelfelder und Vogelfelsen, lassen wir spontan auf uns zukommen. Immerhin machen wir hier Urlaub.

Und daher macht es ja auch nichts aus, Schafe kreuzenSchafeab und zu mal mit dem Auto anzuhalten wenn sich eine nette Szenerie zum Photographieren ergibt. Schafe mit Lämmchen zum Beispiel. Oder Wildgänse. Oder Island-Pferde. Oder die Landschaft. Oder Landschaft mit Flußlauf. Oder nochmal Schafe. Irgendwann muß man sich wirklich zusammen reißen um überhaupt ein paar Kilometer vorwärts zu kommen und nicht alle 5 Minuten anzuhalten.

Unser Weg in den Süden führt uns wieder an Reykjavik vorbei und da wir uns im Moment nur am Stand der allgegenwärtigen Sonne orientieren, verfahren kommen wir auch spontan durch ein nettes Neubaugebiet mit modernen Mehrfamilienbauten, welches wir dann auch nach 13 (von insgesamt 17) Kreiseln wieder in die richtige Richtung verlassen.

Direkt hinter diesem Neubaugebiet liegt ein kilometerweites Lavafeld, durch das sich eine schnurgerade Straße in Richtung Berge im Süden zieht. Ansonsten ist hier nichts mehr. Doch, Moment! Zu unserer Linken erblicken etwa 50 Meter abseits der Straße Holzgestelle mit Fischen daran. Ob das etwa der berüchtigte Hákarl ist? Hákarl ist fermentierter, getrockneter Grönlandhai, eine kulinarische Spezialität des Landes – dem Hörensagen nach aber aufgrund seines Geruchs und Geschmacks nicht gerade etwas für Nichtisländer. Also haben wir mal kurz gedreht – Verkehr gab’s hier sowieso nicht – und uns die Sache etwas näher angeschaut.

Das ganze Areal ähnelte eher eine Müllhalde, da überall Schrott und Teile herumlagen. TrockenfischBei den Holzgestellen handelte es sich bei näherer Betrachtung aber tatsächlich um getrockneten Fisch, allerdings völlig geruchslos und daher wohl kein Hákarl, sondern normalen Stockfisch. Interessant sah es trotzdem aus. Lange haben wir uns dort dann aber auch nicht aufgehalten, da das Gebiet durch einen Schlagbaum gesperrt war und ich jeden Moment einen geifernden Köter erwartete, der um die Ecke hetzte.

Aus der Nähe betrachtet stellt sich übrigens heraus, daß das gesamte Lavafeld mit einem grauen und sehr weichen Moos Weicher Überzugbedeckt ist und somit nicht ganz eine karge leblose Steinwüste darstellt, sondern eher die größte Schaumgummimatratze der Landes. Nur floloppen tut sie nicht. Und flurren, glurren oder weidomieren auch nicht. Schade eigentlich.

Wieder auf der Straße, folgen wir ihr weiter durch das Lavafeld Leuchtende Mondlandschaftin Richtung Berge. MondlandschaftJe näher man den Bergen kommt, desto unwirklicher wird die Gegend. Das Gestein ist dunkel, umgeben von Staub und Geröll. Man kommt sich fast vor wie auf dem Mond. Am Fuße der Erhebungen wächst so gut wie nichts mehr, von ein paar Moosen und Flechten mal abgesehen. Das Wetter hat sich mit der Zeit auch etwas zugezogen, aber wenn die Wolken dann doch einmal aufreißen, dann leuchten die moosbedeckte Hänge der Berge um so kräftiger gelbgrün.

KleifarvatnAuf einer Mondstaubpiste fahren wir weiter in die Berge und kommen dabei an einem Vermessungsfahrzeug vorbei. Verständlich, denn die Isländer haben sozusagen ein vitales Interesse daran zu wissen, wann sich das nächste Mal die Erde auftut.

Als wir erneut über eine Kuppe fahren, erstreckt sich vor uns still und ruhig, umgeben von kahlen dunklen Hängen, der Kleifarvatn. Stille ErdeAuf etwa der Hälfte des Sees halten wir auf einer Erhebung an und schauen uns ein wenig um. Von der unwirklichen Landschaft mal abgesehen, ist die Stille das, was einem am ehesten auffällt. Bis auf ein paar quakende Enten in der Entfernung ist wirklich nichts zu hören. Nicht einmal ein Hintergrundgeräusch wie Wind ist zu hören.

Am Südende des Sees sehen wir Wasserdampf aufsteigen und da es auf dem Weg liegt, schauen wir uns das etwas genauer an. Heißer StrandVor Ort zeigt sich, daß an manchen Stellen des Strands der Schlamm kocht und Wasser verdampft. Mittlerweile wissen wir, das der See keinen Zufluß hat, sondern nur aus einer unterirdischen Quelle gespeist wird. Nach einem Erdbeben im Jahre 2000 hat der See etwa ⅕ seiner Fläche verloren und dabei die kochenden Quellen im Süden frei gegeben. Mittlerweile scheint der See aber wieder an Fläche zu zunehmen und dieses Verhalten scheint hier auch nichts ungewöhnliches zu sein.

Latent lebensfeindlichEin klein wenig weiter im Süden des Kleifarvatn gibt es ein kleines Schwefelfeld mit dem Namen Seltún. Da dieses natürlich auch touristisch erschlossen ist, schauen wir uns auch dieses an. Auch hier entweicht an mehreren Stellen Wasserdampf aus der Erde und schon vom Parkplatz aus steigt einem der Geruch von faulen Eiern in die Nase und man verzieht schon leicht das Gesicht. Selbst den Windschatten suchen oder die Luft anhalten verbessert die Situation nicht wirklich. Dafür reißt gerade die Wolkendecke Gelbe Erde vor dunklen Wolken in Schwarz-WeißHeiße Löcher in der Erdeetwas auf und die Sonnenstrahlen lassen das gesamte Feld in allen möglichen Farben vor einem dunklen Wolkenhintergrund leuchten. Von blau-grauem Schlamm, schwarz verbrannter Erde, bis hin zu rotem Stein, grün-gelben Flecken leuchtet hier alles wie auf einer bunten Farbpalette.

Kochender SchlammEin Holzsteg führt durch das gesamte Feld mit dem eindringlichen Hinweis, diesen zur eigenen Sicherheit nicht zu verlassen. Und tatsächlich hat man gar kein Bedürfnis danach, denn der Wasserdampf, die kochenden Quellen und der zäh blubbernde Schlamm scheinen unberechenbar zu sein. Zumal eben heiß-zischende Löcher in der Erde sind und wer kann schon sagen, wo die Erde fest ist und wo porös?

Beissende DämpfeSo faszinierend aber dieses Naturschauspiel in all seiner Pracht ist: Der Gestank ist mittlerweile beißend und zieht sich von der Nase quer durch den Kopf um an der Schädelrückseite einen fiesen stechenden Schmerz auszulösen. Dieser wird auch die nächsten Tage auch immer wieder mal zu spüren sein und selbst heute bilde ich mir ein bei tiefem Luftholen immer noch das gleiche Gefühl wie dort zu verspüren.

Und dennoch wächst wie ein Wunder zwischen all diesen kochenden Quellen und dem Schwefel grünes saftiges Gras. In einer so unwirklichen Umgebung, an der Hel nicht mehr fern zu sein scheint. Hel
Nach etlichen Photos unter eingeschränkter Atemaktivität geht es aber dann tief Luft holend wieder weiter in Richtung Süden. Angepeilt hatten wir die Südküste um ein paar Vögel zu beobachten. Allerdings sind wir mal kurz falsch abgebogen, es fängt für uns zum ersten Mal auf Island an zu regnen und die Piste zur Küste ist mit solchen Schlaglöchern versehen, daß wir hier mit unserem Yaris das erste Mal an unsere Grenze kommen und umkehren und weiter nach Westen fahren, in Richtung Grindavik.

Grindavik an sich ist ein 3000 Seelen-Ort, der primär von der Fischerei lebt. Und tatsächlich sieht man große Fischfabriken und mehrere heruntergekommene Häuser. Und demnach landen wir auf der Suchen nach einer Möglichkeit zu Essen in einer dunklen und nahezu leeren Kneipe und wie wir zu anfangs betrachtet werden, landen hier nicht viele Touristen. Aber wie schon in allen Reiseführern beschrieben sind die Isländer sehr gastfreundlich und somit schmeißt die Küche für uns noch einmal das Feuer an. Wir sollen etwas bekommen, für das die Kneipe hier bekannt wäre – irgendetwas mit Nudeln. Mit wenig Alternativen sagen wir: klar, gerne. Letzten Endes sieht das Essen aus wie Paella – nur mit Nudeln anstelle von Reis. Und es schmeckt tatsächlich ganz gut. Hausmannskost ist doch das Beste.

Der Wirt erzählte uns noch ein wenig über sich und er lebte sogar mal für ein paar Monate in Deutschland, aber es hätte ihm nicht so gut gefallen. Und das wäre auch schon lange her. Gut gesättigt bedanken wir uns vielmals und machen uns dann endlich auf den Weg zur Bláa Lónið – die Blauen Lagune.

Blau in SchwarzDie Blaue Lagune ist ein Thermalfreibad mit milchig leuchtend türkisfarbenem Wasser inmitten eines dunklen Lavafeldes. Eigentlich dachte ich, die Blaue Lagune wäre ein natürliches Phänomen, doch vor Ort wurde ich eines besseren belehrt. Das nahegelegene Geothermalkraftwerk holt aus 2000 Meter Tiefe bis zu 240°C heißes Wasser aus der Erde und treibt mit dem Dampf Turbinen an und erzeugt so Strom und Fernwärme. Das „Abwasser“ hat man seinerzeit in die Gegend laufen lassen und mit der Zeit bildete sich ein Salzwassersee mit Kieselsäure angereichert, Schön Blauwelche dem Wasser die schöne blaue Farbe verleiht. Da das Wasser auch noch angenehm warm war, nutzen anliegende Bewohner recht schnell als Bademöglichkeit. Und die Erkenntnis, daß die Brühe das Wasser auch noch gut gegen diverse Hautkrankheiten ist hat der Blauen Lagune zusätzliche Besucher beschert. Mittlerweile ist daraus ein reines Bad geworden, welches sich dieses gesunde und schön anzuschauende Spektakel gut bezahlen lässt.

Für Besucher des nahegelegenen Flughafens ist übrigens alles zu bekommen: Badeutensilien, Handtuch, Bademantel und ein Stellplatz für diverse Gepäckstücke. Und tatsächlich scheinen diesen Service einige Reisende zu nutzen, denn regelmäßig fahren Busse zwischen dem Flughafen und der Blauen Lagune hin und her.

Aber da wir jetzt schon einmal da waren, haben wir uns diesen Besuch ebenfalls gegönnt. Und das Bad ist wirklich nett gemacht und passt mit seiner einfachen, aber stilvollen Gestaltung gut in die Landschaft. Nachdem man letztlich auch mit dem Schließsystem der Schränke zurecht gekommen ist (Armband, Sensor, Computer, Hightech), wartet draußen das angenehm warme Wasser auf einen. Allerdings ist das Wasser an den Stellen, an denen es frisch eingeleitet wird, sogar etwas zu warm und da man nicht als gekochtes Hühnchen in blauen Wasser enden möchte, zieht man auch recht zügig daran vorbei. Das Wasser ist wie zu erwarten recht salzig und strapaziert auf Dauer die Haarpracht – falls vorhanden. Zusätzlich kann man sich Körper und Gesicht mit einer weißen Masse bedecken, die gut für die Haut sein soll. Mit der Zeit spannt die Haut aber nur und es sieht auch irgendwie affig aus. Außerdem haben wir noch einen Klumpen gefrorene Algen bekommen, den man sich ebenfalls in’s Gesicht massieren soll. Aber abseits dieses Beauty-Schnick-Schnacks dieser Hautpflegemittel ist das Bad schon sehr entspannend und es hat schon etwas in so blauem Wasser zu relaxen.

Aber irgendwann ist alles mal vorbei und wir machen uns wieder auf den Weg zu unserer Hütte, wo wir dann um 22:00Uhr unsere nassen Sachen auf der Veranda in die pralle Sonne hängen können.